Prävention und Selbsthilfe
- Psychische Fehlbelastungen lassen sich vermeiden
- Vorausschauendes Handeln
- Rechtliche Anforderung
- Grundsätze der Prävention und Gestaltungsbereiche
- Zur Vermeidung oder Reduzierung von psychischen Fehlbelastungen bei der Arbeit bieten sich folgende präventive Handlungsfelder an
- Konkrete Maßnahmen im Unternehmen
- Externe Unterstützung
Psychische Fehlbelastungen am Arbeitsplatz stehen zunehmend im Fokus der Diskussion. Derartige Fehlbelastungen reichen von subjektiv empfundenem übermäßigem Leistungsdruck über unzureichende Kommunikationsbeziehungen mit Vorgesetzten und Kollegen bis hin zu Mobbing. Gravierende psychische Fehlbelastungen können zu erheblichen Leistungsminderungen und -ausfällen führen. In den Unternehmen gewinnt die Aufmerksamkeit für psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter als erhaltens- und schützenswerte Güter an Bedeutung.
Die Sozialpartner haben diese Problematik erkannt und auf europäischer Ebene eine Rahmenvereinbarung über "Stress am Arbeitsplatz" unterzeichnet. Die Sozialpartner weisen darauf hin, dass psychische Fehlbelastungen die Arbeitseffektivität senken und gesundheitliche Probleme hervorrufen können. Die Vereinbarung empfiehlt ein schrittweises Vorgehen, um psychischen Fehlbelastungen am Arbeitsplatz entgegenzuwirken:
- Erkennen der Alarmsignale (z. B. hohe Abwesenheitsquote, Konflikte);
- Analyse der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsumwelt (z. B. Lärm, Verhaltensfehler, schlechte Kommunikation);
- Ergreifen geeigneter Maßnahmen (z. B. Bessere Vermittlung der Ziele des Unternehmens, klare Definition der Aufgaben der Beschäftigten).
Psychische Fehlbelastungen lassen sich vermeiden
Psychische Fehlbelastungen sind vermeidbar. Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze, um arbeitsbedingte Fehlbelastungen zu mindern: Zum einen Maßnahmen, die die Arbeitsgestaltung betreffen; zum anderen personenbezogene Maßnahmen. Vorrangig sollen psychische Fehlbelastungen ursächlich – d. h. an ihrer Quelle – vermieden bzw. reduziert werden. Derartige Einflußfaktoren, die zu psychischen Fehlbelastungen beitragen können, sind übermäßiger Zeitdruck oder Informationsdefizite. Hingegen wirken sich Faktoren wie soziale Unterstützung oder Mitsprachemöglichkeiten positiv auf das psychische Befinden aus. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass Personen unterschiedlich auf Stressoren reagieren. Zudem wirkt sich das private Umfeld ebenfalls auf die individuelle Belastungssituation aus.
Der Arbeitgeber hat ein Interesse, durch Arbeitsgestaltung die psychischen Fehlbelastungen am Arbeitsplatz möglichst gering zu halten. Durch vorausschauendes Handeln können Beschäftigte und Betriebe gleichermaßen profitieren: Krankheiten, Arbeitsausfälle sowie eingeschränkte Leistungsfähigkeit und damit verbundene Kosten können reduziert oder gar vermieden werden. Betriebliche Maßnahmen sind jedoch nur in der Lage, die betrieblichen Ursachen zu beeinflussen. Auf außerhalb des Arbeitsumfelds existierende Belastungen hat der Arbeitgeber keine bzw. nur sehr begrenzte Einflussmöglichkeiten.
Vorausschauendes Handeln
Um negative Konsequenzen durch psychische Fehlbelastungen für das Unternehmen abzuwenden empfiehlt es sich, diesen von Anfang an wirksam entgegenzutreten. Ein derartiges vorausschauendes Handeln wird als Prävention bezeichnet.
Prävention bedeutet für die Unternehmen, nicht erst Arbeitsbedingungen zu schaffen – z. B. Arbeitsinhalte zu strukturieren oder Arbeitsplätze einzurichten – und anschließend zu fragen, ob es zu psychischen Fehlbelastungen und arbeitsbedingten Erkrankungen kommen kann. Vielmehr sollen Tätigkeiten und Arbeitsbedingungen möglichst frühzeitig und vorausschauend dahingehend betrachtet und beurteilt werden, ob psychische Fehlbelastungen auftreten können und die Möglichkeit von arbeitsbedingten Beschwerden und Erkrankungen besteht. Anlässe für eine solche Analyse und Beurteilung bieten sich u. a. bei der Planung oder Umgestaltung von Arbeitsplätzen oder bei der betrieblichen Reorganisation. Weitere Handlungsanlässe bilden Hinweise und Beschwerden der Beschäftigten – bevor Gesundheitsschäden eingetreten sind.
Die vorausschauende Beurteilung der Arbeitsbedingungen bildet eine Grundlage für erforderliche tätigkeits- und personenbezogene Maßnahmen.

Rechtliche Anforderung
Die präventive Beurteilung von Arbeitsbedingungen und die Ergreifung von Gestaltungsmaßnahmen ist nicht nur ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft, sondern ist auch gesetzlich geregelt. So verpflichtet §5 Arbeitsschutzgesetz den Arbeitgeber, durch eine Beurteilung der Gefährdungen der Beschäftigten bei der Arbeit zu ermitteln, welche Arbeitsschutzmaßnahmen erforderlich sind. Zu den Gefährdungen können auch arbeitsbedingte psychische Fehlbelastungen und daraus resultierende gesundheitliche Beschwerden gehören.
Grundsätze der Prävention und Gestaltungsbereiche
Prävention umfasst alle Vorgehensweisen und Maßnahmen, die eine vorbeugende Gestaltung der Arbeitsbedingungen ermöglichen, so dass arbeitsbedingte Gesundheitsschäden verhindert werden. Der Gedanke der Prävention tritt gerade im Zusammenhang mit betrieblicher Gesundheitsförderung in den Vordergrund. Prävention nimmt vorausschauenden Einfluss auf gesundheitsgerechte Arbeitssysteme und sucht nach einer ständigen Verbesserung der vorhandenen Arbeitsbedingungen. Hierbei werden neue Erkenntnisse der Forschung oder weiterentwickelte praktische Lösungen umgesetzt.
Zur Vermeidung oder Reduzierung von psychischen Fehlbelastungen bei der Arbeit bieten sich folgende präventive Handlungsfelder an
Der klassische Arbeits- und Gesundheitsschutz hat das Ziel, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie der menschlichen Gesundheit auch langfristig nicht schaden. Hier haben die Unternehmen in der Vergangenheit bereits viel getan.
An den Arbeitsplätzen müssen die Arbeitsabläufe unter Berücksichtigung der menschlichen Leistungsfähigkeit so aufeinander abgestimmt werden, dass bestmögliche Resultate entstehen. Dies bedeutet für die konkrete Arbeitsgestaltung, dass Arbeitsmengen, Arbeitsabläufe, die zur Verfügung stehende Zeit und deren Kontinuität, die zum Einsatz kommenden Hilfsmittel in Form von Maschinen, Werkzeugen oder Software in einem ausgewogenen, auf die Erledigung der Arbeitsaufgabe abgestimmten Verhältnis zueinander gebracht werden müssen. Dass darüber hinaus auch die mit diesen Arbeiten beschäftigten Menschen in der Lage sein müssen, die so gestalteten Arbeitsaufgaben ohne Fehlbelastungen dauerhaft zu bewältigen, bedarf der sorgfältigen Personalauswahl und angemessener Qualifizierungsmaßnahmen.
Eine auf Vertrauen basierende Führungskultur, die durch klare Vereinbarungen zu Arbeitsinhalten und -zielen gekennzeichnet ist, trägt dazu bei, bestimmte psychische Fehlbelastungen zu vermeiden. Der konstruktive Umgang mit Fehlern reduziert Ängste bei den Mitarbeitern und ist ebenfalls Bestandteil einer solchen Führungsphilosophie. Der Sensibilisierung von Führungskräften kommt bei allen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Reduktion von psychischen Fehlbelastungen eine hohe Bedeutung zu.
Präventiv kann außerdem eine Unternehmenskultur wirken, die durch Mitarbeiterorientierung gekennzeichnet ist und versucht, Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen bestmöglich in Einklang zu bringen. Als wirksames Instrument dienen z. B. Mitarbeitergespräche. Um Spannungen zwischen Kollegen oder mit Vorgesetzten zu vermeiden, besteht ein Ansatzpunkt in der Schaffung positiver Beziehungen, die auf gegenseitigem Verständnis und Hilfsbereitschaft basieren.
Grundsätzlich gilt zu berücksichtigen, dass die Ausgestaltung von Maßnahmen zur Prävention unter Berücksichtigung der vielfältigen betrieblichen Einflussfaktoren und Erfordernisse zweckmäßiger Weise spezifische Aufgabe der betrieblichen Akteure ist. Nur auf dieser Ebene können praxisgerechte Lösungen gefunden werden, die von allen Beteiligten akzeptiert werden.
Betriebliche Maßnahmen müssen durch eine gesundheitsbewusste Lebensführung der Beschäftigten begleitet und unterstützt werden. Beim Umgang mit Belastungen trägt jeder Einzelne ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Unzureichender Schlaf, ungesunde Ernährung bis hin zum Konsum von Drogen verstärken die individuell negative Wirkung von psychischen Fehlbelastungen und konterkarieren betriebliche Anstrengungen, diese zu senken. Nur wenn Urlaub und Pausenzeiten wirklich zur Erholung genutzt werden, können mögliche negative Beanspruchungsfolgen abgebaut werden. Insbesondere durch Sport, Entspannung und gesunde Ernährung können psychische Fehlbelastungen bewältigt werden.

Konkrete Maßnahmen im Unternehmen
Als grundlegende Strategie soll die Prävention bei allen planerischen und konzeptionellen Aufgaben im Unternehmen frühzeitig einbezogen werden. Dies erfordert eine Informierung und Sensibilisierung von Führungskräften und Mitarbeitern hinsichtlich Ursachen, Wirkungen und Vermeidungsstrategien von psychischen Fehlbelastungen. Hilfreiche Informationen zum Thema psychische Belastung und Stress vermitteln eine Reihe von Druckschriften und Internet-Auftritten, wie sie Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und andere Präventionsdienstleister anbieten. Auch ein zwischenbetrieblicher Erfahrungsaustausch zu Problemen und Lösungen der psychischen Beschwerden kann hier zielführend sein.
Auf jeden Fall ist es erforderlich, dass der Arbeitgeber bzw. seine Führungskräfte eine Ermittlung und Beurteilung von Fehlbelastungen durchführen. Sie sind für die Bedingungen verantwortlich, unter denen die Beschäftigten arbeiten. Damit stehen sie auch in der Pflicht, konkrete Maßnahmen im Betrieb zu ergreifen, um arbeitsbedingte psychische Fehlbelastungen wirksam zu reduzieren.
Zur Unterstützung können fachkundige Personen – wie Betriebsarzt und Fachkraft für Arbeitssicherheit – in die Ermittlung und Beurteilung von Arbeitsbedingungen und Problemfällen einbezogen werden. Die Ermittlung von psychischen Fehlbelastungen kann anhand von Gefährdungschecklisten erfolgen, wie sie u. a. die Berufsgenossenschaften und staatliche Arbeitsschutzbehörden bereitstellen. Vor der Beurteilung von Arbeitsbedingungen ist festzulegen, welche Arbeitsbereiche, Tätigkeiten und Beschäftigte betroffen sind. Aus den Beurteilungsergebnissen lassen sich geeignete Maßnahmen ableiten.
Um bei konkreten Anhaltspunkten zu prüfen, welchen psychischen Fehlbelastungen die Mitarbeiter Ihres Unternehmens ausgesetzt sind, lässt sich eine von der Bundesanstalt für Arbeit und Arbeitsmedizin entwickelte Toolbox einsetzen. Sie enthält Verfahren und Instrumente, mit denen psychische Belastungsfaktoren erfasst und bewertet werden können. Der Einsatz der Toolbox setzt jedoch fachliche Kenntnisse voraus.
Eine betriebliche Selbsthilfe zur Gestaltung ausgewogener Arbeitsbedingungen erfordert die Einbeziehung der Mitarbeiter im jeweiligen Arbeitsbereich. Sie kennen ihre Arbeits- und Kooperationsbedingungen meist sehr genau. Dadurch können sie wertvolle Hinweise zu Ursachen von psychischen Fehlbelastungen geben und mögliche Lösungswege aufzeigen. Zudem verbessert eine frühe Einbeziehung der Beschäftigten bei der Entscheidungsfindung die Akzeptanz von später umgesetzten Maßnahmen.
Es ist wichtig, dass ein wirksames Vorgehen in die bestehenden betrieblichen Strukturen integriert wird (z. B. Organisation der Gefährdungsbeurteilung, QM, ASA, KVP). Innerhalb der bestehenden betrieblichen Strukturen wie zum Beispiel kontinuierliche Verbesserungsprozesse oder betriebliche Arbeitskreise (z. B. Qualitätszirkel) läßt sich ein nachhaltiges systematisches Vorgehen realisieren.
Externe Unterstützung
Neben der Inanspruchnahme betriebsinterner Akteure können auch externe Fachleute zur Ermittlung und Beurteilung von psychischen Fehlbelastungen sowie zur Unterstützung bei der Einleitung und Umsetzung von Maßnahmen einbezogen werden. Externe Partner, wie z.B. Berater, Arbeitgeberverbände, Berufsgenossenschaften und Krankenkassen, verfügen über entsprechende Kenntnisse und Erfahrungen. Sie setzen Methoden und Instrumente zielgerichtet ein und erhöhen damit die Wirksamkeit von Maßnahmen. Zudem bieten sie die Möglichkeit, Mitarbeiter im Umgang mit unvermeidbaren psychischen Fehlbelastungen zu schulen, um damit besser umgehen zu können. Damit steigt die Chance, psychische Fehlbelastungen im Unternehmen wirksam zu verringern.
Eine Liste von externen Partnern, die Sie bei Fragestellungen zu psychischen Fehlbelastungen professionell unterstützen, finden Sie auf der Seite
Rat und Hilfe.