Chemische Risikostoffe
Unter chemischen Risikostoffen sind Gefahrstoffe zusammengefasst, die entweder auf Grund ihrer hohen akuten Giftigkeit oder wegen ihrer Verbreitung zu ernsthaften Gefährdungen der öffentlichen Gesundheit führen können, falls sie bei Havarien, Transportunfällen, kriminellen oder terroristischen Anschlägen freigesetzt werden oder in die Nahrungskette gelangen. Neben den bekannten chemischen Kampfstoffen umfasst diese Stoffgruppe zahlreiche giftige Industriechemikalien, die z. T. täglich in großen Mengen über das Straßen- und Schienennetz rollen, ebenso hochwirksame Medikamente und Drogen oder Pflanzenschutzmittel/Biozide und Toxine. Bei Freisetzung hochgiftiger Chemikalien ist mit erheblichen Auswirkungen auf die Gesundheit, Infrastruktur und öffentliche Ordnung zu rechnen, selbst wenn sie zeitlich und räumlich nur begrenzt wirksam werden.
Dem Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) kommt bei der Planung von Vor- und Nachsorgemaßnahmen erhöhte Bedeutung zu. So sind z. B. Risikoabschätzungen bezüglich Sperrung und Freigabe von Arealen und Gebäuden, Grenzwertüberschreitungen, Verzehrverboten für selbstgezogenes Gemüse und Obst, aber auch die Erfassung möglicher verzögerter Giftwirkungen und gesundheitlicher Langzeitschäden notwendig. Dabei sind für eine einheitliche Vorgehensweise des ÖGD die von der Länderarbeitsgruppe Umweltbezogener Gesundheitsschutz (LAUG) entwickelten Standards zur Expositionsabschätzung sowie die Vorschläge des Bundesinstitutes für Risikobewertung zur Einrichtung eines Störfallregisters bedeutsam. Zur fachlichen Beratung der Gesundheitsämter in besonderen Gefahrenlagen wurde im Rahmen des Anti-Terror-Programms des Landes Baden-Württemberg vom 23.10.2001 das Kompetenzzentrum Gesundheitsschutz am Landesgesundheitsamt eingerichtet, welches im Jahre 2002 seine Arbeit aufnahm.
Kernpunkte der Arbeit des Bereichs Toxikologie im Kompetenzzentrum sind der Aufbau einer Datenbank zu chemischen Hochrisikostoffen und die Erstellung von Stoffinformationsblättern. Diese sollen als Handreichung für den ÖGD Aspekte der medizinischen Versorgung und Risikoabschätzung betonen sowie Lücken in bestehenden Datenbanken füllen. Besonders berücksichtigt wird dabei der gegenwärtige Entwicklungsprozess der AEGL-Störfallbeurteilungswerte (Acute Exposure Guideline Levels), die zur Abschätzung verschiedener Beeinträchtigungsgrade der Allgemeinbevölkerung bei bestimmten Expositionszeiten abgeleitet werden und zwischen den Arbeitsplatzgrenzwerten und den IDLH-Werten (Immediately Dangerous for Life and Health) beziehungsweise den niedrigsten letalen Konzentrationen (LCLO; 1% Sterblichkeit) angesiedelt sind. Für Stoffe, bei denen noch keine AEGL-Werte etabliert sind, werden parallele Werte angegeben: ERPG (Emergency Response Planning Guidelines), IDLH (Immediately Dangerous to Life and Health), TEEL (Temporary Emergeny Exposure Limits), EEI (Emergency Exposure Indices), ARE (Acute Reference Exposure), SBW (Störfallbeurteilungswerte), ETW (Einsatztoleranzwerte). Grundlage für die Bearbeitung ist das Stoffdaten-Informationssystem Baden-Württemberg (SIBW). Fehlende Daten werden aus anderen Quellen recherchiert und ergänzt. Die Merkblätter werden im Intranet des ÖGD Baden-Württemberg bereitgestellt und sind dort von den Gesundheitsämtern und der Schnellen Einsatzgruppe Gesundheitsschutz (SEGGES) mit einer speziellen Zugangsberechtigung erreichbar. Ebenso werden sie nach einem Beschluss des nationalen Beirates im Noxen-Informationssystem NIS eingestellt.
Weiterführende Informationen
- Standards zur Expositionsabschätzung - Bericht des Ausschusses für Umwelthygiene 1995, 2000
- Überlegungen zur Einrichtung eines "Expositionsregisters" bei Störfällen (BfR: Ärztliche Mitteilungen bei Vergiftungen 2002, S. 43)
- Umed Info 17: Chemische Risikostoffe (PDF; 1,44 MB)