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Berufskrankeiten (BK) bei Frauen

  1. Sind Berufskrankheiten Männerkrankheiten?
  2. Frauenanteil
  3. Frauen werden anders belastet

Berufskrankheiten (BK) treten auch bei Frauen auf. Allerdings liegen dort die Schwerpunkte anders. Dies ist Folge der Berufswahl: Frauen sind in anderen Berufen beschäftigt als Männer. Deshalb gibt es typische "Männerberufskrankheiten" und BK, die überwiegend bei Frauen zu finden sind.

Das Ideal der Familie mit der Arbeitsteilung zwischen Mann – draußen – und Frau – drinnen – , wie noch von Schiller besungen, löst sich seit 180 Jahren stetig auf. Der Prozess setzt sich auch heute weiter fort. Die Erwerbstätigkeit von Frauen (also die bezahlte und im Rahmen eines Arbeitsvertrags ausgeübte Tätigkeit) nimmt stetig zu. Nach den Angaben des Statistischen Landesamtes standen in Baden-Württemberg 1980 2,57 Millionen Männer und 1,68 Millionen Frauen im Erwerbsleben. Fast 40 % der Erwerbstätigen waren Frauen. 2000 sind es 2,79 Millionen Männer bzw. 2,19 Millionen Frauen; d. h., heute sind 44 % der Erwerbstätigen Frauen. 48 % der Frauen über 15 Jahre sind erwerbstätig (im Vergleich: 66 % der Männer).

Wenn inzwischen fast die Hälfte der Erwerbstätigen weiblich ist, so könnte man folgern, verteilt sich auch die Zahl der BK annähernd gleich auf die Geschlechter. Die Analyse der Zahlen über BK führt aber zu ganz anderen Ergebnissen. Der Anteil der Frauen an allen angezeigten BK-Fällen beträgt gerade einmal 23 %.

Sind Berufskrankheiten Männerkrankheiten?

Bestimmte BK kommen überwiegend oder fast ausschließlich bei Männern vor. So lag der Frauenanteil an der Lärmschwerhörigkeit bei den ärztlichen BK-Anzeigen zwischen 3 und 4 %. Davon anerkannt wurden praktisch keine. Die Lärmschwerhörigkeit ist die häufigste Berufskrankheit. Für andere seltenere Berufskrankheiten gilt Ähnliches: Die Staublunge durch Quarz, Asbest, das Bronchialkarzinom oder das Mesotheliom des Rippenfells, beide ebenfalls ausgelöst durch Asbest, treten fast ausschließlich bei Männern auf. Der Anteil der weiblichen Erkrankten liegt unter 10 %.

Frauenanteil

Berufskrankheit BK-Nr abs %
Infektionskrankheiten 3101   75,0
allergische obstruktive Atemwegserkrankungen 4301 173 46,5
Hautkrankheiten 5101 499 46,2
degenerative Krankheiten der Lendenwirbelsäule (LWS) 2108 238 23,3
Mesotheliom nach Asbestexposition 4105 7 7,6
Asbestose 4103 13 6,1
Lärmschwerhörigkeit 2301 39 2,8
Bronchialkarzinom bei Asbestose 4104 2  

Diese Tätigkeiten, bei welchen die genannten BK auftreten, werden überwiegend von Männern ausgeübt. Bei Mechanikern, auf dem Bau und im Tiefbau, Arbeitsplätzen, die mit Lärm (oder Asbestexposition) verbunden sind, findet man selten oder nie Frauen. Der Anteil der Frauen an der Erwerbstätigkeit nähert sich zwar den 50 %. Die ausgeübten Tätigkeiten unterscheiden sich aber deutlich von denen der Männer. Es gibt nach wie vor Tätigkeiten, in denen das eine oder andere Geschlecht stärker (bisweilen fast ausschließlich) vertreten ist. Dementsprechend treten dann BK bei dieser Tätigkeit bei dem zahlenmäßig dominierenden Geschlecht auf.

Die wichtigste der BK - bezogen auf die Gesamtzahl der angezeigten BK, die Lärmschwerhörigkeit, tritt bei Frauen nur selten auf; sie ist auf Platz 6 der "Frauen-Hitliste" (Abb. 1) aufgestellt. Im Vordergrund stehen dort die Hautkrankheiten und die Erkrankungen der Lendenwirbelsäule. Weiterhin gehören die obstruktiven Atemwegskrankheiten und die Infektionskrankheiten zu den häufigen BK.

Frauen werden anders belastet.

Die unterschiedliche Rangfolge der BK hat überwiegend mit der Berufswahl der Frauen zu tun. Tätigkeiten von Frauen, mit erhöhtem Risiko für Berufskrankheiten finden sich besonders häufig in sozialen und pflegerischen Berufen (Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege). Dort ist dann auch der Anteil der Frauen an den BK z.T. sehr hoch.

Abb. 1 Die fünf häufigsten BK bei Frauen im Jahr 2000 (Anzeigen)

Dies soll am Beispiel der bei Frauen häufigsten BK (Hautkrankheiten) gezeigt werden. In der folgenden Graphik ist der prozentuale Anteil der Frauen an BK bei bestimmten Berufsgruppen (Säulen) dargestellt. Darüber ist die Absolutzahl der BK-Fälle (Männer und Frauen) in dieser Berufsgruppe projiziert (Linie).

 

Abb. 2 Anteil von Frauen an beruflich bedingten Hautkrankheiten (BK 5101) im Jahr 2000

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Bei den Hautkrankheiten lässt sich eine Dominanz der Frauen in Gesundheitsberufen, bei Friseuren, im Einzelhandel, bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten (Reinigung) und bei Gärtnern/Floristen feststellen (Abb. 2). Zahlenmäßig dominiert der Gesundheitsdienst. In anderen zahlenmäßig wichtigen Berufsgruppen (Metallberufe aller Art, Bau) sind Frauen nur selten zu finden, deshalb erkranken nur Männer.

 

Abb. 3 Relative Altersverteilung ausgewählter Berufskrankheiten bei Frauen im Jahr 2000

Berufskrankheiten bei Frauen treten in allen Altersgruppen auf. So lässt sich bis ins 6. Lebensjahrzehnt eine für alle Altersgruppen gleichmäßige Verteilung der BK-Anzeigen feststellen. Es ist dabei aber zu bedenken, dass eine größere Anzahl von Frauen in den jüngeren Altersgruppen beschäftigt ist. Die einzelnen Berufskrankheiten verteilen sich auch nicht gleichmäßig auf die Altersgruppen. In den jungen Jahren stehen die "akuten" BK im Vordergrund, also BK, die sich bei entsprechender Belastung schnell entwickeln und deshalb Hinweise auf die "aktuelle" Gefährdung an Arbeitsplätzen geben (Abb. 3). Hier ist insbesondere der Friseurberuf zu nennen, der überwiegend von Frauen gewählt wird. Die Hautkrankheiten treten meistens schon zu Beginn der Ausbildung auf. Aber auch in den Gesundheitsberufen besteht eine erhöhte Hautgefährdung. In den späteren Berufsjahren gehen die Hautkrankheiten zahlenmäßig zurück. Dafür treten in der Altersgruppe der 45- bis 50-Jährigen die Krankheiten in den Vordergrund, die eine chronische Belastung voraussetzen, wie die Degeneration der LWS. Hier dominieren insbesondere die Pflegeberufe (Kranken- und Altenpflegerinnen).

Krankheiten mit langer Latenzzeit sind die Asbest-assoziierten Krankheiten, die auch Frauen betreffen, wenn auch weitaus seltener als Männer. Sie dominieren bei den Frauen, die in Rente gehen. Sie sind im Allgemeinen auf Tätigkeiten in den 50er und 60er Jahren zurückzuführen, als Frauen bei der Produktion von Industrietextilien oder in Montierberufen Asbest-exponiert waren. Diese Arbeitsplätze existieren schon lange nicht mehr. Der in den 70er Jahren wirksam werdende Arbeitschutz an diesen Arbeitsplätzen, später der Wegfall der Exposition (und auch der Arbeitsplätze) macht es heute schwierig, die damalige Belastung abzuschätzen. Die Folgen der Belastung zeigen sich aber in der Zahl der BK-Anzeigen bei dieser Generation von Frauen.

Andere Berufskrankheiten treten unabhängig vom Alter in allen Gruppen gleichmäßig auf. Dazu zählen die Infektionskrankheiten und die Krankheiten des Sehnengleitgewebes. Beide sind Krankheiten, die akut (Infektionen) oder nach relativ kurzer Belastungszeit (Sehnengleitgewebe) auftreten. Insbesondere die letztgenannte BK ist als Folge der besseren Arbeitsgestaltung deutlich zurückgegangen.

Die wichtigste Frage kann aus diesen Zahlen daher nicht beantwortet werden: Gibt es auch ein geschlechtsspezifisch unterschiedliches Risiko für das Auftreten von Berufskrankheiten bei gleicher Exposition? Eine genetische Fixierung der Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Noxen ist bekannt. Die Toxikogenetik befasst sich mit dieser Thematik. Für die gängigen Berufskrankheiten muss die Frage bisher verneint werden. Jedenfalls entspricht der Anteil der Frauen an den gemeldeten Berufskrankheiten ungefähr dem Anteil der weiblichen Beschäftigten in dem jeweiligen Berufsbereich. Zahlen waren vom Statistischen Landesamt allerdings nur für diese drei Berufsbereiche zugänglich: Für die Bereiche Mechaniker und ähnliche Berufe (5,2 %), für Bauberufe (0,9 %) und für Gesundheitsberufe (84 %). Der Anteil der Frauen bei den beruflich bedingten LWS-Krankheiten beträgt (in der gleichen Reihenfolge) 0,7 : 1,0 : 84,8 %, bei den Berufskrankheiten der Haut 7,9 : 0 : 84,5 %.