Wohnen + seelische Gesundheit
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Gesundheit ist nach der WHO-Definition ein „Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ und nach der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN ein Grundrecht. Dieser Gesundheitsbegriff schließt körperliche und seelische, individuelle und soziale Fähigkeiten des Menschen ein. Was ist demnach unter seelischer Gesundheit zu verstehen? Die psychische oder seelische Gesundheit lässt sich mit den Ressourcen und Fähigkeiten beschreiben, die es dem Einzelnen ermöglichen, sich wohl zu fühlen und sein intellektuelles und emotionales Potential zu verwirklichen.
Ein gesunder Mensch strebt danach sich sein Zuhause einzurichten. Es ist schwer, sich in einer verwahrlosten, trostlosen Umgebung wohl zu fühlen oder gar ohne geeignetes Obdach leben zu müssen. Solche unzureichenden Zustände, die sich nicht aus eigener Kraft beheben lassen, können Störungen der Psyche begünstigen. Das zeigt eine Studie der WHO zur Wohngesundheit (LARES-Studie: Large Analysis and Review of European Housing and Health Status). Personen mit psychischen Störungen erleben, denken und handeln deutlich anders als die meisten anderen Menschen, ohne dies willentlich steuern zu können und sind dadurch in Beruf, Partnerschaft und Familie erheblich beeinträchtigt. So leiden Menschen signifikant häufiger an Depressionen und Angstzuständen, wenn die Wohnverhältnisse zu wenig Schutz vor Gefahren bieten - man denke an Lärm, Kälte oder Vandalismus und Kriminalität. Das ist auch der Fall, wenn die Unterkunft zu wenig Tageslicht aufweist, kaum Sicht aus den Fenstern bietet und über zu wenig zugehörige Grünflächen verfügt. Außerdem konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen Depressionen und Schimmelbefall beziehungsweise Feuchtigkeit in der Wohnung in Studien mit Daten aus acht europäischen Städten nachgewiesen werden (Quelle: Shenassa, Dampness and Mould in the Home and Depression).
Gut beschrieben ist auch das Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeit in die eigenen vier Wände. Fehlende Abgrenzung der Privatsphäre vom öffentlichem Raum, die ein einfaches Eindringen von Außen ermöglicht, aber auch Überbelegung des Wohnraums können das Gefühl von Identität, Bindung und Sicherheit beeinträchtigen. Angst und Unsicherheit wiederum sind Anzeichen für eine belastete Psyche, die zunächst die Lebensqualität und das allgemeine Wohlbefinden schmälert. Schließlich kann sich dies in Angstzuständen, Depressionen, Schlaflosigkeit, paranoiden Tendenzen und Störungen im Sozialverhalten manifestieren. Untersuchungen belegen diese Zusammenhänge zwischen dem Sicherheitsgefühl, beziehungsweise der Angst vor Aggressionen und Kriminalität und dem allgemeinen Gesundheitszustand. Den kausalen Einfluss der individuellen Wohnverhältnisse oder mangelnder Infrastruktur auf die seelische Gesundheit statistisch zu belegen, ist jedoch nicht trivial.
So ist das Wohnen unter unzureichenden Wohnbedingungen meist mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status verknüpft (Quelle: Statistisches Bundesamt, Armut und Lebensbedingungen) und konzentriert sich in unterprivilegierten Wohnvierteln. Wenn bestimmte Wohngebiete mit dem Stigma der Armut versehen sind, besteht die Gefahr der Bildung von Ghettos, die sich in einer Abwärtsspirale bewegen. Die betroffenen Gebiete sind einwohnerstarke, hoch verdichtete Quartiere mit deutlich erkennbaren Defiziten: Bauliche Mängel, Umweltbelastungen, ein wenig ansprechendes Umfeld, geringes Arbeitsplatzangebot, fehlende nachbarschaftliche Beziehungen oder der Mangel an sozialer und kultureller Infrastruktur.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass die soziale Schichtzugehörigkeit über den gesamten Lebenslauf eng mit den gesundheitlichen Chancen zusammenhängt (Quelle: Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland). Die äußeren Ursachen für psychische Erkrankungen im Umfeld der Patienten sind daher nur schwer getrennt voneinander zu analysieren. Vielmehr beeinflussen, ja verstärken sie sich gegenseitig.
Um diesem verhängnisvollen Kontext entgegen zu wirken und einer sozialen Polarisierung vorzubeugen, haben Bund und Länder in Deutschland das bundesweite Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Soziale Stadt" auf den Weg gebracht. Es gilt die Integration von Zuwanderern, einkommensschwachen Familien und alleinstehenden älteren Personen zu fördern und die Identifikation der Menschen mit dem Stadtteil zu stärken. Sozial gemischte Wohngebiete mit frei finanzierten Mietwohnungen, Eigentumswohnungen und Sozialwohnungen sowie Generationenprojekte können dazu beitragen, die Situation in belasteten Wohnvierteln zu entschärfen und die nachbarschaftlichen Beziehungen zu stärken.
Wie vordringlich die Lösung dieser Aufgabe ist, wird durch die Tatsache unterstrichen, dass Angst und Depressionen die häufigsten psychischen Beschwerden darstellen. In Europa leiden durchschnittlich 4,5 Prozent der Allgemeinbevölkerung an Depressionen. Psychische Erkrankungen können zum Selbstmord oder zum Selbstmordversuch führen. Zurzeit sterben in der Europäischen Union etwa 58 000 Bürger jährlich durch Selbsttötung; dies ist mehr als die jährliche Todesfallrate durch Straßenverkehrsunfälle (50 700). Bei bis zu 90 Prozent der Selbstmordfälle gehen seelische Erkrankungen voraus - häufig sind es Depressionen.
Weiterführende Informationen
WHO Verfassung mit Definition der Gesundheit 
WHO Informationen zu seelischen Störungen
LARES Final Report 
Dampness and Mold in the Home and Depression 
Statistisches Bundesamt: Armut und Lebensbedingungen
Closing the Gap: Gesundheitliche Ungleichheiten in Europa reduzieren
Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland
Projekte zur Entwicklung belasteter Stadtquartiere
Armut und Menschenrechte - Das Recht auf angemessenen Wohnraum
Stand 04/2011